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Situationen

Natürlich war der gestrige Beitrag „Alltag“ etwas übertrieben. Ganz klar: Auch Frau Novemberregen wird nicht jeden Tag von merkwürdigen Menschen angesprochen oder hat eine Unterhaltung mit dem Oberchef, die es wert ist niedergeschrieben zu werden. Das wäre auch verrückt und ließe sich vermutlich gar nicht aushalten. Und vermutlich ist der Arbeitsalltag vieler von mir geschätzter Blogger auch recht unspektakulär. Was ich aber immer so faszinierend finde sind die vielen kleinen Situationen, die festgehalten werden. Das geht mir derzeit etwas ab: Ich bewege mich im öffentlichen Raum auf festen Routen, die ich mehr oder weniger auf Autopilot abreiße. Kein Blick nach links, kein Blick nach rechts. Das fiel mir vor einer Weile schon auf, weswegen ich versuche immer mal nicht auf das Buch, die Zeitung oder das Smartphone zu schauen sondern bewusst in mir aufnehme was gerade um mich herum passiert. Meist ist es recht banal: Menschen laufen von A nach B, lesen in Büchern, Zeitungen oder Smartphones, unterhalten sich oder machen nichts.

Manchmal gibt es allerdings auch Ausnahmen, die sich sich ausschlachten lassen.

So ist mir vom gestrigen Tag die Frau in Erinnerung geblieben, die am Ostkreuz in die S3 einstieg, sich hinsetzte und ihr Buch auspackte und eine halbe Minute später fluchtartig den Wagen verließ als eine Familie mit mehreren kleinen Kindern die Plätze neben ihr einnahm. Sehr zur Erheiterung der Familieneltern.

So etwas bietet dann natürlich Raum für reichlich Spekulationen: Ist die Frau Kinderhasserin? Hat sie vor kurzem ihre Familie verloren und erträgt den Anblick anderer Familien nicht? Ist sie nach einem langen Arbeitstag genervt und möchte einfach nur in Ruhe ihr Buch in einem ruhigen S-Bahn-Wagen lesen? Hatte sie mal eine Beziehung mit dem Familienvater und kann ihm nun nicht mehr in die Augen blicken? Man weiß es nicht (ich würde allerdings Grund #3 vermuten).

Nach diesen ungefähr 60 Sekunden Spannung kehrte wieder Normalität ein. Und die Kinder haben zwar Kindergeräusche gemacht, aber nicht übermäßig gestört.

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