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Journal Mittwoch, 8.2.2017

Sehr bezeichnend: Als wir bei der Schreiambulanz empfangen wurden, schrie G. wie am Spieß, Jott war in Tränen aufgelöst.

Weil die Zwillinge im Kinderwagen selten zur Ruhe zu bringen sind, setzten wir heute die Maxi-Cosi-Schalen auf das Kinderwagengestell und fuhren mit der Straßenbahn zur Schreiambulanz. Leider hatten wir im Trubel nicht nachgeschaut, wie wir die Babyschalen wieder abbekamen… Als wir sie lösen wollten, war die Verwunderung groß und das Stresslevel (wegen des Babygeschreis) hoch. Letztendlich ließen wir die Sitze am Wagen und nahmen nur die Kinder heraus, weil wir in dem Moment partout nicht herausfanden, wie das geht.

Beim Blick in die Anleitung zu Hause folgte so ein Kopf-Tisch-Moment: Unter dem Schonbezug der Maxi-Cosi-Schalen sind zwei weitere Knöpfe, an die wir nicht gedacht hatten, und die zum Lösen der Schalen vom Wagen bzw. dem Adapter sind.

Überhaupt, die Schreiambulanz. Wir hatten uns im Vorfeld informiert, wie es mit der Kostenübernahme aussieht und waren recht schnell darauf gestoßen dass Treptow-Köpenick als einziger Bezirk die Kosten nicht übernimmt. Die Sozialarbeiterin vom Kinder- und Jugendgesundheitsdienst hatte uns aber Hoffnungen gemacht, dass es eventuell Mittel und Wege gäbe.
Nach unserem Besuch dort stellte sich aber heraus, dass dem nicht so ist- wir müssten die Termine privat bezahlen. Treptow-Köpenick ist wohl der einzige Bezirk, der diese Kosten nicht übernimmt. Bei 60 Euro pro Stunde ist das ’ne Hausnummer. Vor allem wenn man bedenkt, dass wir heute kaum über die Anamnese hinaus kamen.

Nahezu jeder, dem wir von den ganzen Umständen erzählen, schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. Offenbar ist es also gerade wirklich nicht so einfach (das fragen Jott und ich uns nämlich: Sind wir einfach nur zu zartbesaitet und ist es vielleicht gar nicht so schlimm? Und andere Leute haben ja auch Zwillinge bekommen…)

Sowohl beim Bringen zur KiTa als auch bei der Abholung hatte ich einen zusätzlichen Zwilling dabei; am Morgen war es G. und am Abend J.. Beide Male schliefen die Kinder in der Trage.
Während die morgendlichen Fahrten dank halbwegs leerer Bahnen noch recht entspannt waren, war es am Nachmittag sehr anstrengend. Berufsverkehr, keine freien Sitzplätze, kaum genügend Platz um es sich auf dem Boden neben dem Kinderwagen bequem zu machen… Hui. Das strengte an.

Bevor ich M. aus der KiTa abholte, war ich kurz im Büro, ist ja nur einen Katzensprung entfernt. Ich habe vorerst morgen und Freitag Urlaub, so dass Jott nicht allein zu Hause ist. Am Montag sollte ihr Bruder da sein, da werde ich wohl ins Büro fahren können.

Wir telefonierten heute beide viel herum und müssen nun die Ergebnisse abwarten. Es ist alles eigentümlich unkonkret und irgendwie fehlt jemand, der eine Richtung vorgibt und uns ein wenig an die Hand nimmt. Mittlerweile haben wir, wenn ich das recht im Blick habe, eigentlich überall angerufen und uns erkundigt, wo es nur geht. Und trotzdem sind wir weiterhin allein zu Hause und müssen Minute für Minute, Stunde für Stunde klarkommen (ja, ich zähle Minuten und Stunden).

Nach einem Notfallanruf von mir bei Hebamme und Frauenärztin- beide super engagiert und eine große Hilfe- kann Jott morgen bei einem Krankenhaus in Grünau (15 Minuten mit dem Auto entfernt) anrufen und sich wegen psychologischer Beratung schlau machen. Wie eine eventuelle ambulante Behandlung aussehen kann, erfahren wir dann.

Schlafsituation heute Nacht: Links von mir M., rechts J.. Ich bin gespannt, wie das wird. Aber nachdem Jott letzte Nacht wenig bis gar nicht schlief, ist das notwendig.

Es fühlt sich an, als ob langsam alles bröckelt, ins wanken gerät, zerbricht und kaputt geht. Diese Zwillinge schaffen uns. Und trotz aller Telefonat usw. scheint keine Besserung in Sicht.

Was schön war: Während es mich beim Zubettbringen von M. wieder gnadenlos entschärfte (ich glaube, ich schlafe sogar vor ihm ein), schaffte es Jott, J. und G. zu Bett zu bringen. Als ich aufwachte, war die Wohnung dunkel.

14 Antworten auf „Journal Mittwoch, 8.2.2017“

Lieber Herr Paul!
Das ist wohl sehr creepy, weil wir uns gar nicht kennen (lese schon lange hier mit, hab aber noch nie kommentiert), aber kann man Ihnen und Jott irgendwie aus der Ferne eine kleine Aufmunterung zukommen lassen? (Vielleicht haben Sie ja eine Paketstation in der Nähe oder so?) Falls nicht, schicke ich Ihnen beiden zumindest eine virtuelle Umarmung – ich hoffe, es geht bald wieder bergauf!
Liebe Grüße aus Österreich

Wie viele Termine wären bei der Schreiambulanz denn nötig – kann man das vorab zumindest grob einschätzen? Geht es eher um 5 oder um 10? Ich nehme an in einen anderen Stadtteil, wo die Kosten übernommen werden, dürfen Sie nicht gehen? Es gibt ja hier mittlerweile doch einige Leser, die gerne irgendwie helfen würden, aber zu weit weg wohnen um unmittelbar mit anzupacken. Vielleicht könnten wir per privatem „crowdfunding“ ein paar Termine ermöglichen? Ich wäre da auf jeden Fall gerne dabei.

Ich finde es schier unglaublich bei wie vielen Stellen Sie bereits angefragt haben ohne Hilfe zu erhalten. Zumal sich ja im Prinzip alle einig sind, dass die Situation so nicht tragbar ist.

Ansonsten kann ich nur wieder und wieder sagen: bleiben Sie stark. Auch wenn es sich im Moment nicht so anfühlen mag, es wird besser werden. Mit jedem Tag kommen sowohl die Zwillinge als auch M einen Tag näher an ein Alter, wo sie weniger anstrengend sind. Und versuchen Sie für den Moment Ihre Standards und Erwartungen so niedrig wie möglich zu halten, gerade ist nicht die Zeit für Perfektionismus mit Blick auf den Zustand der Wohnung, wie gesund das Essen ist, ob Sie heute geduscht haben oder nicht. Ein paar Wochen Schusseldasein wird niemanden umbringen, auch nicht die drei Kinder. Reduzieren Sie also auf das allernötigste, alles andere kann warten.

Liebe Frau Em,
eine Superidee. Ich würde mich beteiligen!
Damit es doch jeden Tag einen kleinen Eintrag geben kann unter „was schön war“…

Auch ich, noch relativ frisch als Leserin hier dabei, habe auch spontan gedacht, dass die Hilfe nicht am mangelnden Geld scheitern soll.
Meine beiden Kinder sind schon aus dem Gröbsten raus und auch keine Zwillinge. Dennoch oder gerade deswegen rührt mich die tiefe Erschöpfung aus den Journalbeiträgen sehr an.
Lassen Sie es uns wissen, wenn wir aus der Ferne helfen können! Und halten Sie weiter so tapfer durch. Es ist eine unglaubliche Extremsituation, die Sie und Jott gerade bewältigen.

Ups, ist mein Kommentar verschwunden? Dann nochmal in Kürze: Ich unterschreibe alles, was Frau Em sagt und wäre beim Crowdfunding sofort dabei. Halten Sie durch, es kann nur besser werden!

Oh, Frau Em, das ist eine tolle Idee! Ich wäre auf jeden Fall auch dabei.
Ich habe schon viel überlegt was man so aus der Ferne tun kann..

Die Schrei-Ambulanz-Lady ging von 8 bis 10 Terminen aus. Die in einem anderen Stadtteil wahrzunehmen bringt nichts, weil die Rechnung trotzdem an das Jugendamt Treptow-Köpenick gehen würde- dem Bezirk, in dem wir gemeldet sind.

Da wäre ich ebenfalls dabei, auch wenn ich bisher eher stiller Mitleser bin. Hut ab vor 3 unter 2 Jahren. Meine Grenzen wären da schon lange erreicht.

Oh ja, ich würde auch was beitragen. Habe noch nie kommentiert aber lese gern mit und würde nur zu gern helfen. Halten Sie durch! Ich kenne das Geschrei von einem Kind – zwei scheinen unvorstellbar, aber Sie und Jott machen das super!

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